Eine existenzielle Grenzerfahrung und ihre Integration ins Leben

Vorbemerkung

Um den folgenden Aufzeichnungen einen nachvollziehbaren Kontext zu bieten, muss vielleicht eines vorausgeschickt werden. Bei diesem Vorgang ging es –  wie mir im Nachhinein bewusst wurde – vor allem darum, „das Bild“, das ich mir von mir selbst aufgebaut hatte, loszulassen. Dieses Bild vermittelte mir eine gewisse materielle Sicherheit, ein gewisses Lebensgefühl, ein gewisses Gefühl von Ich-Bestimmtheit, ein bestimmtes Maß an Freiheit und gleichzeitig hafteten daran auch allerlei Belastungen, Frustrationen, Gewohnheiten etc., die ich aber, um „das Bild“ nicht zu gefährden, bereit war, aufrecht zu erhalten. All das sollte ich loslassen und gegen etwas eintauschen, wofür es noch kein neues Bild gab – im Grunde also eine Art Leere in Bezug auf das, was ich danach sein könnte. Ein Aspekt war dabei jedoch immer wesentlich und mitunter entscheidend: Der Wunsch als Mensch in meiner vollen Präsenz, für meine Tochter da sein und dabei gleichzeitig gut für sie sorgen zu können – und auch da konnte ich mir nicht sicher sein, ob ich die richtige Wahl treffen würde.

Chronologie

Die Chronologie dieser Aufzeichungen hält sich an keinen bestimmten Rhythmus, sondern folgt dem spontanen Bedürfnis das innere Erleben im Rahmen dieses Vorgangs in Worte zu fassen. Einerseits um dem währenddessen oft brachial wütenden Verstand ein Ablassventil zu öffnen, andererseits um einen Vorgang zu dokumentieren, der vielleicht auch anderen eine Stütze sein kann, die sich an ähnlichen Schwellen befinden. Eine Schwelle, wo meiner Erfahrung nach, das individuelle Empfinden immer auch das Kollektive berührt.

30.09.2016

Der Impuls war stärker als ich. Nach wochenlangem Ringen mit mir selbst habe ich mit heutigem Tag meine Wohnung in Wien gekündigt, mein Gewerbe und damit auch meine Pflichtversicherung abgemeldet. Ohne zu wissen wie es jetzt weitergeht, ist mein vorrangiges Anliegen Platz für etwas Neues zu schaffen. Das alte Gepäck mit all den fixen Belastungen und dem Gefühl des „im System eingekeilt zu sein und keinen Spielraum zu haben“ loszuwerden, um innerlich wieder frei zu werden und meinen Geist aus dem Gedankenstrudel der permanenten Widersprüchlichkeit zu erlösen. Ich möchte meinem Kern näher kommen, die Angst ist groß, wie ein langsames Vorantasten auf sehr dünnem Eis, aber ohne ein Ufer an das man sich retten könnte. Also ein Nachvortasten auf dünnem Eis, auf das offene Meer hinaus, die Weite des Horizonts im Blickfeld, ganz bei mir und dem Wenigen, was ich wirklich bin und erleben möchte.

Ich bin ein Aspekt des allumfassenden Bewusstseins und weiß doch so wenig darüber. Allein zu sein mit seinen Entscheidungen und trotzdem getragen zu werden, vielleicht suche ich diese Erfahrung. Ich möchte erleben was es heißt, einem inneren Kompass zu folgen, wem begegne ich auf dieser Reise, wenn die Zugriffe von außen sich in Begegnungen verwandeln dürfen. Vieles wartet darauf, verloren zu gehen und vieles will neu erforscht werden, so scheint es mir. Den Entdeckergeist in mir wieder zu beleben, so nah an das Eigene ranzukommen bis es sich wieder vereint, ganz und heil werden darf. Wie wenige Menschen sind diesen Weg bisher gegangen und wie verlockend ist es sich darauf einzulassen? Im Gehen – Werden.
Ein Traum in derselben Nacht: Ein Bild von Vincent van Gogh wo er symbolisch darstellt, dass er zwischen den Dingen keine Resonanz mehr herstellen kann, die Dinge sind sprichwörtlich „hohl“ – das sage „ich“ im Traum dem Kunsthistoriker, der mich zuvor noch belächelte und nun ganz perplex ist.

Information in der selben Nacht:

„Der Zugriff gehorcht bereits einer höheren Ordnung doch dein Denken funktioniert noch in den alten Kategorien.  Das ist der permanente Widerspruch der dich seit langem begleitet und die gedankliche Endlosschleife aus: dem Impuls nachgeben oder an die unabsehbaren Folgen denken und doch nicht zu handeln.“

Im selben Moment hatte ich das Gefühl, als würde ein neuronales Feuerwerk in meinem Gehirn abgefeuert, eine momentane Neuausrichtung bei der sich neue Synapsen verschalten. Ich stehe auf um das niederzuschreiben und umarme davor noch meine Tochter in ihrem unruhigem Schlaf was sie augenblicklich beruhigt und ihr Vertrauen schenkt. Ein Gefühl von tiefer Geborgenheit und einer Liebe die nicht aus mir kommt, sondern mich durchdringt.
Es ist ca. 04:00 Uhr früh als ich das schreibe – das Sternbild Orion leuchtet durch das Dachfenster.
Mit welchem Gefühl bin ich gestern (vor der Entscheidung) aufgewacht (kraftlos, dem Wunsch nach tabula rasa), mit welchem Gefühl werde ich heute aufwachen? Weiter in derselben Nacht intensiv geträumt. Der ganze Kosmos schien im Halbschlaf vor meinen Augen aufzutauchen, in meinem eignenen Bewusstsein, ganz so wie bei der non-dualen Meditation von Ken Wilber. Der Sternenhimmel war nicht außerhalb, er war in meinem Bewusstsein.

Oktober 2016

In den Folgetagen treten trotz der sehr eindeutigen Informationen aus der Nacht davor starke Zweifel auf. Das gewohnte Denken übernimmt immer wieder das Kommando. Zweifel und die Tendenz etwas rückgängig machen zu wollen. Dazu starke körperliche Symptome wie ein bestimmter Rückenschmerz, der immer auftaucht wenn es um Ängste und Einengungen geht. Es scheint jetzt mehr denn je meine Aufgabe zu sein, durch die Angst hindurchzuspüren, nichts mehr abzulehnen, der Angst unmittelbar ins Auge zu schauen. Ich setze mich in die Sonne und versuche durch die Angst hindurch zu atmen. Die Rückenschmerzen werden tatsächlich weniger und lösen sich auf.

Im Grunde wird alles was ich bis jetzt erfahren habe, auf die Probe gestellt. So fühlt es sich also an loszulassen und ins Nichts oder ins Vertrauen zu gehen.

Gleichzeitig waren die letzten Tage auch von einer intensiven Produktivität und es kam zu äußerst bereichernden Begegnungen. Vor allem tauchte von mehreren Seiten und Personen das Thema der Energie auf. Mal in Form des Wasserkreislaufes und dissipativer Strukturen, dann ebenfalls im Kontext von Wasser, wo mir jemand erzählte, dass es möglich ist, in einem sehr kleinen, künstlich hergestellten Wasserkreislauf, mittels einem geringen Stromimpuls die Molekühle Wasserstoff und Sauerstoff zu trennen und dabei Wärme zu generieren. Es scheint tatsächlich Energie frei zu werden und ins Fließen zu kommen, wenn man beginnt sie dort abzuziehen, wo sie einen blockiert.

Das alles ist so fern jeglicher Methodik und gesellschaftlicher Norm, das dieses Ich, das all das zu erleben hat, am liebsten davonlaufen möchte, zurückrudern ins Altbewährte. Ich verstehe mehr denn je warum so viele Menschen ihre Komfortzone nicht verlassen wollen, lieber in den Strukturen bleiben und nicht zu viel hinterfragen möchten. Mir bleibt offensichtlich nichts anderes übrig, als es anders zu machen, meinem inneren Kompass nachzugehen, der in unbekannte Richtungen zeigt und sich ganz anders verhält als es mir lieb wäre.

Das befreiende an dieser Erfahrung ist, dass das Getriebensein in der Welt aufhört.

Es gibt in diesem Zustand weder etwas zu tun noch etwas nicht zu tun, denn man tut eben nur das, was gerade jetzt zu tun ist – nicht mehr und nicht weniger. Voraussetzung dafür ist allerdings eine Freiheit von zeitlich einschränkenden Strukturen, denn diese sind immer mit Anstrengung verbunden, da sie einen vor den getakteten Pflug spannen. Was aufhört ist „das unbedingte in der Welt einen Beitrag leisten müssen“. In diesem Zustand der vor allem mit dem Bewusstsein des Selbst einhergeht, erkennt man die Fülle der Existenz jenseits jeglicher Bewertung. Hier geht es nicht mehr darum glücklich zu sein oder überhaupt irgendetwas zu sein, vielmehr wird deutlich dass gerade das Erstreben bestimmter Zustände dafür verantwortlich ist, dass man sich jetzt nicht wohl fühlt. Im Bewusstsein des Selbst erkennt man sich selbst und den Raum als vollständig. Der Abstand zur betriebsamen Welt ist so groß, dass man nicht mehr in ihr Getriebe involviert ist, dabei aber gleichzeitig handlungsfähig bleibt. Einzig jeder Anpassungsgrund oder -zwang ist verschwunden. Man erkennt die Unangestrengtheit des Selbst, und welche Fülle an hingebungsvoller Aktivität hier verborgen liegt.

Man darf sich ja nicht wundern, dass wir uns schwer tun die Fülle wahrzunehmen und unser Potential auszuschöpfen wenn all unser Handeln sich permanent an Formate und Richtlininen zu halten hat. All das ist immer eine Eingrenzung anstelle einer Erweiterung. Wenn wir ein Gewerbe ausüben, dürfen wir nur einen gewissen Bereich bedienen, alles darüber hinaus ist Liebhaberei und demnach nicht berufsfähig.

Gedankenelexier

In der Nacht beim Meditieren vor dem Schlafengehen kam folgende Information:

„Der Raum der Sterne ist dein Gedankenelexier. Ein Raum der auf höherer Ebene zu denken vermag.“

Das deckt sich mit meiner Erfahrung aus der ersten Nacht wo sich mein Denken anscheinend begann umzustellen. Also nicht mehr die rein rationale Ebene, die dualistisch und bewertend vorgeht, sondern eine neue Ebene des Denkens, die sich bislang noch nicht in Worte fassen lässt. Ein Vorgang, wo sich ein feineres und intuitives Bewusstsein in meinem Denken, Fühlen und Handeln verankert und ich einzig die Bereitschaft und Präsenz dazu zur Verfügung stellen muss.

„Mach dich leer und werde ganz.“

Auch das ein Satz aus dieser Nacht, wo kein Denken dominiert, sondern die Informationen einfach auftauchen und niedergeschrieben werden, auch wenn das heißt dafür nochmal im Dunklen aufzustehen. Aber in der Regel weiß ich, dass sich diese Information über das Schlafen auch wieder verlieren. Als Menschen sind wir die reinsten Empfangsinstrumente, einzig unsere Weigerung diese zu sein, macht das Leben so kompliziert. Wir tun so als müßten wir aus uns heraus etwas erschaffen, dabei sind wir diejenigen, die die Fähigkeit haben zu empfangen und das Empfangene dann auszuagieren.

Das Schöpfungsprinzip

Das Schöpfungsprinzip beruht auf einer absichtslosen Anstrengungslosigkeit. Es ist frei von Bedingungen, Forderungen und Leistungen – es erfüllt und findet sich immer nur im Augenblick, im spontanen Ausdruck der Empfindungen, der Intuition und Inspiration.

Unsere Lebens-, Arbeits- und Systemprinzipien beruhen auf Berechenbarkeit, Leistung und Gegenleistung, auf vorausschauender Fixierung, auf der Verdrängung der Wahrnehmung im Augenblick, auf der Idee, dass nur das sich Zurückhalten und Anpassen im Jetzt die Zukunft absichert.

Loslassen was man nicht ist

Warum ist es so schwierig, das loszulassen was man nicht ist? Den Dingen und Situationen so intensiv wie möglich ins Auge zu schauen, keiner Situation mehr auszuweichen, alles auszuhalten was man war und ist, ohne daran festzuhalten.

In der privaten Beziehung heute an einen Punkt gekommen, wo wir beide der Meinung sind, dass es angebracht ist, das Konzept einer Beziehung fallen zu lassen und so einen Raum zu ermöglichen, wo beide Menschen wieder Platz haben, um sich völlig unbefangen im Moment begegnen zu dürfen. Die Menschen werden dann wieder attraktiv, wenn sie aufhören etwas zu sein. Dort wo sie keine Rolle mehr spielen müssen, wo man ihrem wahren Wesen begegnet – in aller Verletzlichkeit, Emotionalität, Beweglichkeit und Freiheit von Definitionen und Identifikationen.

Dort sieht man wer wir wirklich sind: Das eine Selbst, das uns aus dem Hintergrund entgegenleuchtet, der eine Raum, den wir alle miterschaffen haben. Dort wo sich die Leere mit den Erscheinungen verbindet. Dort wo der Mensch sich seiner Natur und Quelle bewusst wird. Dort wo das individuelle Selbst zum Ganzen wird, und sich im Einzelnen ausdrückt und manifestiert. Wir beginnen den Raum zu entdecken, der frei ist von Bewertung und Vorstellung. Wieviel Freiheit können und wollen wir ertragen? Im Fluss sein, heißt nichts mehr zurückzuhalten, nichts mehr aufzuschieben und gleichzeitig immer die Wahl zu haben. Ein bewusstes Manövrieren im Strom der Zeit. Wie lange kennen wir uns schon – seit und vor dem Urknall, vor dem Entstehen von Raum und Zeit? Wann hören wir auf, uns als zwei wahrzunehmen?

Die Geissel des diskursiven Denkens

Werde massiv von Gedanken und mit verstandesmäßig konstruierten Widerständen attackiert. Diese Form des Denkens zu durchbrechen, ist unvorstellbar hartnäckig. Es ist das unablässige Hin- und Her zwischen den Optionen und der Verstand will sich nicht damit abfinden, dass eine ungewisse Zukunft vor ihm liegen könnte. Ich versuche andere Gedanken zu fassen: Was wenn ich mit dieser Wohnungskündigung Raum für etwas schaffe, wovon ich noch gar nicht zu träumen wage.

Es braucht ein vollständig anderes Denken, jenseits jeglicher Verstandesmechanik. Vielleicht ist das die Aufgabe und der Sinn dieses Prozesses: Etwas lozulassen an dem man so sehr hängt: Ein bewusstes Sterben mitten im Leben, mit allen Phasen, die dazu gehören.

Gestern hat Peter, ein WEGE ZUM SELBST Gefährte, nach Verschicken des Impuls-Briefes, 500,- EUR auf das GLS Konto überwiesen. Ein erstes eindeutiges Signal, dass es die Bereitschaft braucht, etwas zu geben, um auch etwas zu bekommen. Offensichtlich nimmt einem niemand das Losgehen, die ersten Schritte ab, erst dann kommt einem auch wieder etwas entgegen. Eigentlich ein ganz natürlicher Vorgang, warum soll man schon vorab für etwas entlohnt werden, was man noch gar nicht getan, wofür man sich noch gar nicht entschieden hat.

Als ich mit Peter zusammensitze, verändert sich kurz meine Wahrnehmung, alles wird weiter und dehnt sich aus. Ich höre Peter noch sprechen und gleichzeitig erscheint er mir fast transparent. Ein Gefühl von Frieden und Leichtigkeit geht damit einher und ich weiß dass ich es nicht festhalten kann, genausowenig wie ich es (noch nicht?) selbst erzeugen kann. Es passiert einfach – offenbar dort wo die Resonanz stimmt, am leichtesten.

Der Verstand kann das alles nicht fassen. Diese Denkform, die wir für normal halten, entpuppt sich immer mehr als die eigentliche Hölle, der wir nur schwer entrinnen.

Ich kann es nur noch so sehen: Lass los und stirb, um zu neuem, befreitem Leben zu erwachen. Durchgehen, weitergehen, nicht nach hinten schauen. Ein Üben im  Abschiednehmen ohne Sentimentalität, Selbstmitleid und Bedauern. „Du kannst nur das behalten was du opferst.“ In der bedingungslosen Hoffnung dass es das Richtige ist, für alles was geschehen soll. Im Voraus dankbar zu sein für das, was schon geschehen ist, eliminiert jeden Zweifel, sagen die Berber aus dem Atlas Gebirge. Die neue Option, die genau auf das abgestimmt ist, was zu tun sein wird – diese Option gibt es schon – auch wenn mein Denken sie noch nicht erfassen kann, und ich bedanke mich dafür.

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