Mit einem kontemplativen und einem weinenden Auge verlasse ich Denver. Aufgeladen mit vielschichtigen und kontrastreichen Eindrücken, die meinen Geist überwältigen ohne ihn zu überfordern. Warum? Ich weiß es selbst nicht und habe aufgehört danach zu fragen. Gigantische Wolkenkratzer, darunter wie aus der räumlichen Relation gefallene Menschen (selten Tiere) gefangen oder erlöst in einem dichten Netz von schriller Buntheit, tragisch-verwüsteten Existenzen, nüchterner Geschäftigkeit, automatisierter Höflichkeit an Supermarkt-Fließband-Kassen, sprechenden Bussen, blinden Katzen, digitalem und medialem Überfluss – alles nebeneinander, gleichzeitig in gewaltiger kosmischer Intensität, während eine gleißende Sonne den Schlagschatten der engen Gassen durchbricht und spiegelglatte Fassaden ihre Umgebung in abstrakte Bruchstücke zerlegen. Wer bin ich, der all das wahrnimmt, mal staunend, mal erschöpft, mal zerzaust, mal konzentriert, mal begehrlich, mal abweisend.

Zwei Nächte in einer amerikanischen Vorstadt über Airbnb gebucht, zwei Nächte mitten im Zentrum von Denver im 5-Sterne-Hotel Renaissance, zwei Nächte in einem 8-Bettzimmer im „Youth Hostel“. Wie schon in Marrakesh, zwischen André Heller´s Paradiesgarten ANIMA und einer Übernachtung im Auto auf irgendeinem asphaltiertem Hinterhof, mache ich diese für den Intellekt ungreifbare Erfahrung von Gleichwertigkeit, wo sich die Dinge außerhalb meiner Bewertung einfach ereignen. Auch wenn sich die Übergänge vom 5-Sterne-Hotel ins 8-Bettzimmer kurz sonderbar anfühlen und den inneren Dialog aktivieren, stellt sich bald wieder jene Form der Wahrnehmung ein, die sich einer relativen Erfahrung in einem absoluten Raum bewusst ist. Also worüber sollte ich mich beklagen, oder wie aus dem Mund von Kurt Cobain „i´m on a plain, i can´t complain“. Tatsächlich scheint für alles gesorgt, wenn der innere Dialog zum Stillstand kommt und somit der „Eigendünkel“ aufhört (eine der Kernlehren von Castanedas schamanischem Meister Don Juan). Somit komme ich direkt zu einem der entscheidensten Momente dieser Reise und dieses POWER-Events. Was entscheidet über einen gesunden oder ungesunden Umgang mit Macht und was heißt Macht für uns als Individuen, wie aktivieren wir sie, wie setzen wir sie ein?

Gruppenfoto aus dem Loft Event mit Ken Wilber (Mitte) und allen TeilnehmerInnen

In der Loft von Ken Wilber, ein Penthouse im 18. Stock mit erhabenem Blick über Denver und einem Schreibtisch voller schwergewichtiger Enzyklopädien über Bewusstsein, Dzogchen, Biographien kontemplativer Meister, hören wir nichts geringeres als dieses:

„Die Macht die wir verfügbar haben, hängt von der Menge an Vertrauen ab, das wir entweder in die ultimative oder relative Wahrheit haben.“

Für mich war das einer der erleuchtenden Signal- und Schlüsselsätze, die mich zu den folgenden Gedanken und Reflexionen anregten – besonders begünstigt durch einen Resonanzraum, der in einem Umfeld von Menschen mit ähnlicher Ausrichtung entsteht.

Vertrauen in eine rein relative Wahrheit schafft relative Macht mit all ihren guten und schlechten Motiven, mit all ihren gesunden und ungesunden Ausformungen, mit all ihren Ohnmachtsgefühlen und deren Kompensationsmeachanismen von egozentrischer und narzistischer Machtakkumulation, mit all ihren Möglichkeiten zur Entwicklung und Transmutation (z.B. über die Chakren), mit all ihrem Potential den Horizont unserer Perspektive zu erweitern (dazu später mehr).

Zuversicht in die ultimative Wahrheit, die Wahrheit hinter allen Wahrheiten, schafft ein Gefühl der Verbundenheit, der Weite, der unermesslichen Zusammengehörigkeit aller Erscheinungen innerhalb dieses Kosmos, mit dem einen und einzigen Urgrund außerhalb von Raum und Zeit – unserem von allem Inhalt und von aller Identität befreiten Bewusstsein.

Jenem Bewussstsein, das vor dem Urknall exististierte und alle Zeit überdauern wird, nicht weil es endlos ist, sondern weil es im zeitlosen Jetzt als Ursprung und Quelle aller schöpferischen Bewegung existiert. Es ist das Bewusstsein, das Zeit und Raum umschließt, ein umfassendes Bewusstsein, dem bedingungslos alles zugehörig ist, ein Bewusstsein jenseits von Polarität und Dualität, es ist das Bewusstein von Ich Bin, das Bewusstsein von jenem subtilsten aller Gefühle, das einer feinen Atmosphäre gleich über unser aller Wahrnehmung schwebt.

In dieses Bewusstsein Vertrauen zu finden, ist das Verlassen der Platon’schen Höhle ohne sich von ihr abzuwenden. Dieses Bewusstsein ist in und außerhalb der Höhle gleichzeitig, alles durchdringend, nichts ausschließend.

Wer sich nun die Frage stellt, wie man Vertrauen in etwas haben soll das man nicht kennt, von dem man sprichwörtlich keinen Geschmack hat, dem kann nur empfohlen werden, sich einen Geschmack davon zu verschaffen. Das Paradoxe dabei: Die Erfahrung ist jederzeit, in jedem Moment zugänglich, sie kann im Grund gar nicht vermieden werden, und ist einzig durch zahllose Schleier oft soweit vernebelt, das sie uns unsichtbar erscheint. Um nur einige der hartnäckigsten Schleier zu nennen, die sich vor unsere Wahrnehmung schieben und wogegen wir entweder Widerstand leisten oder durch gelassene Hingabe Transparenz erzeugen können:

• Ein ungebrochener Fluss von Gedanken, die durch unseren individuellen Geist ziehen.
• Fixe (nicht flexible) Ideen davon, wer wir sind und wie wir uns zu verhalten haben.
• Ideen davon, wie eine Situation zu sein hat und wann wir damit einverstanden sind und wann nicht.
• Gefühle von Haben-Wollen und Nicht-Haben-Wollen, also anhaftendes Begehren und anhaftende Ablehnung und Kontraktion.
• Persönliche Meinungen wenn sie zu statischen Haltungen werden.
• Kulturelle, moralische und soziale Konstrukte, die nicht der Orientierung, sondern der Festlegung von Normen und Verhaltensweisen dienen.

Im Vergleich dazu erhalten wir ein Gefühl von ultimativer Wahrheit wenn wir:
• Situationen und Menschen grundsätzlich unvoreingenommen begegnen
• uns neue Sicht- und Verhaltensweisen erlauben
• unsere gedankliche Routine und innere Vorwegnahme (temporär und immer wieder) auflösen
• unser Identitätsverständnis erweitern (auf andere Menschen, andere ethnische Gruppen, das Leben an sich, den ganzen Kosmos…)
• zu innerer Stille gelangen, die nicht von äußerer Stille abhängig ist.

Wer die Lücke zwischen zwei Gedanken bewusst erfährt ohne diese Lücke intellektuell zu bewerten, wird einen Geschmack von dem erhalten was mit ultimativer Wahrheit oder „One Taste“ gemeint ist. Inhaltsfreies Gewahrsein von Ich Bin vor jeder Interpretation.

Ein zur inneren Ruhe gekommenes Gewahrsein von Ich Bin – nicht gleichzusetzen mit distanzierter und teilnahmsloser Beobachtung – vielmehr der aktive Zeuge der Welt und aller Erscheinungen, jederzeit in der Lage ein- und auszusteigen, auf eine Situation zu reagieren oder zuzuwarten. Aus diesem allumfassenden Gewahrsein heraus können wir unsere Handlungen neu überdenken und uns auf jeden Moment neu abstimmen. Woher kommen Impulse, was führt uns zu innerer Weite und Leichtigkeit, und was schließt uns ein und verfestigt den Kerker von festgeschriebener Identität und unserem Glauben von dem wer oder was wir sind. Sind wir nur sterblich, nur zeitlich, nur Materie? Oder ist da nicht etwas das Materie, Zeit, Sterblichkeit überhaupt erst ermöglicht und das mit uns genauso viel zu tun hat, wie die Partner- und Elternschaft in der wir leben, der Beruf den wir ausüben, die Talente, Prägungen, Leidenschaften und Begierden, die wir unsere ureigensten nennen.

Loft Event Teilnehmer Derek Peterson mit Ramon Pachernegg

BEWUSSTSEIN „ALL-INCLUSIVE“

Wie könnte das Bewusstsein des Menschen der gerade an dir vorbeigeht oder dem du gegenübersitzt, in seiner Grundbeschaffenheit ein anderes sein wie dein eigenes? Natürlich unterscheidet uns die Art und Weise wie wir dieses Bewusstsein erfahren und einsetzen, aber die Essenz an sich ist die gleiche. Wie sonderbar wäre es, wenn sich das Bewusstsein in jedem Menschen neu erfinden müßte? Das würde bedeuten es braucht eine Entwicklung von (angenommen) ca. 14 Mrd. Jahren seit dem Urknall, damit ein Mensch individuelles Bewusstsein entwickeln kann. Wäre dieses Bewusstsein nur ihm zu eigen, nur aus seinem eigenen Gehirn und dessen komplexer neuronaler Verschaltung entsprungen, würde es nach durchschnittich 80 Jahren wieder sterben und zwar im absoluten Sinne. 14 Mrd. Jahre Evolution, um 80 Jahre Bewusstsein zu erleben und das in jedem Menschen neu, immer und immer wieder. Aus meiner Sicht betrachtet wäre das ziemlich ineffektiv.

Angesichts der Erfahrung von absolutem Gewahrsein, fällt dieses Konstrukt von rein individuellem Bewusstsein augenblicklich in sich zusammen und wir nehmen (vielleicht auch schmerzhaft oder erlösend) zur Kenntnis, dass dieses Gewahrsein von Ich Bin eines für uns alle ist, seit zeitloser Zeit, in raumlosen Raum, erwacht es zu sich selbst.

Bewusstsein so gesehen und erfahren ist das eine und einzige Kontinuum das wir nicht anhalten können, weil wir es selbst sind. In dieses „all-inclusive“ Bewusstein Vertrauen zu finden, daraus Zuversicht, Kraft und auch Macht zu beziehen erscheint mir äußerst erstrebenswert und perspektivenerweiternd. Um Dinge in Raum und Zeit in Bewegung zu setzen (eine mögliche Definition von Macht), braucht es somit beide Aspekte – relatives und absolutes Bewusstsein – und unsere Bewusstheit entscheidet darüber wie und wofür wir unsere Macht einsetzen. Dazu ein Zitat von Nagarjuna, einem der prägendsten Philosophen des Mahāyāna-Buddhismus und von Ken Wilber im Rahmen seiner Lesung immer wieder erwähnt.

„All is possible when emptiness is possible.
Nothing is possible when emptiness is impossible.“