Zeit

Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, son­dern zuviel Zeit, die wir nicht nutzen.

Lucius A. Seneca

Leben

Ganz wichtig ist auch, dass wir mit dem klaren Ver­ste­hen dessen, was ist, nicht etwa die phänom­e­nale Welt als Illu­sion abschreiben, denn damit wür­den wir eine falsche Unter­schei­dung tre­f­fen: zwis­chen wirk­lich und unwirk­lich, Sub­stanz und Schat­ten, dem Noume­nalen (reines Bewusst­sein, absolutes Gewahr­sein) und dem Phänom­e­nalen. Alles ist Wirk­lichkeit, und Illu­sio­nen, Erschei­n­un­gen und Schat­ten kön­nen nur Abbilder eben dieser Wirk­lichkeit sein. Wenn wir die phänom­e­nale Welt als Illu­sion von der Wirk­lichkeit unter­schei­den wür­den, müssten wir ja sagen, dass die Wirk­lichkeit weniger als das Ganze ist.

Die unmit­tel­bare Folge des tiefen Ver­ste­hens liegt also darin, dass der Men­sch von der der Welt und ihren Übeln, von Leid und Chaos frei wird, weil er ihre Absur­dität erken­nt.

Er sieht, dass all seine illu­sorischen Unter­schei­dun­gen — all das, was er als erwün­scht oder uner­wün­scht beze­ich­net und zur Grund­lage sein­er Ide­ale und Ziele gemacht hat­te -, ein­fach die Vielfalt und die Würze eines anson­sten doch schreck­lich lang­weili­gen Lebens aus­macht. Wenn die grund­sät­zliche Bedeu­tungslosigkeit kon­ven­tioneller Wertvorstel­lun­gen angesichts der Wirk­lichkeit erkan­nt wurde, ist der Men­sch den Kämpfen und Kon­flik­ten des Lebens enthoben und sieht es jet­zt als ein Spiel, an dem er gemäß den Reigeln teil­nimmt, das er aber nicht mehr ernst nehmen muss.

Wie kommt es dazu? Wer das, was ist, erfasst und sich von allen kon­ven­tionellen Beurteilungs­maßstäben freigemacht hat, sieht keinen Grund mehr, das durch diese Maßstäbe bed­ingte Leid zu akzep­tieren oder sich groß mit dem abzugeben, was andere als die Freuden des Lebens betra­cht­en.

Er zieht sich aber nicht äußer­lich aus der materiellen Welt der Men­schen und Ereignisse zurück, denn das würde ja bedeuten, das er die Welt verurteilt. Er bleibt in der Gesellschaft präsent, aber sein Han­deln fol­gt nicht den Motiv­en, die gwöhn­liche Men­schen nach Reich­tum, Ruhm und Sicher­heit streben lassen. Er nimmt fröh­lich und ohne Urteil alles, was kommt, als Bestandteil des großen Gesamt­geschehens an und tren­nt sich nie von der Ein­heit, die Men­sch und Natur zum Ganzen des Uni­ver­sums zusam­men­schließt. Er wan­dert durchs Leben und nimmt alles froh, ent­ge­gen, ohne je an etwas zu haften wed­er an den Köstlichkeit­en des Lebens noch an seinen Küm­mernissen.

Nis­ar­ga­dat­ta Maharaj, Explo­rations Into the Eter­nal

Ich

Wenn das Ich-Empfind­en stirbt, ist das, was sich auflöst, kein wirk­lich­es Sein, son­dern lediglich eine  Gren­ze, die nicht wirk­lich bestand, die stets einge­bildet war. Hat jedoch ein Men­sch die Illu­sion des Ich und dessen Gren­zen aufge­baut, so fürchtet er nichts mehr als dessen Auflö­sung und strebt daher nach sym­bol­is­ch­er Unsterblichkeit.

Ken Wilber

Alltägliche Psychosen

Aus der mys­tis­chen Perspek­tive betra­chtet, erfüllt unser Nor­malzu­s­tand alle Kri­te­rien der Psy­chose: Er ist ein reduziert­er Zus­tand, verz­er­rt die Wirk­lichkeit und läßt kein Erken­nen dieser Verz­er­rung zu.

Roger Walsh, Frances Vaugh­an, Psy­cholo­gie in der Wende