Leg­ende:
„ich“ klein geschrieben (ste­ht für die Erfahrung des getren­nten Egos)
ICH groß geschrieben, ste­ht für das Zeu­gen-Bewusst­sein indem sich meine Wahrnehmung
während der Zer­e­monie befand.

Im August 2015 nahm ich an ein­er Mesa, ein­er schaman­is­chen Heilz­er­e­monie, teil. Das ich-Bewusst­sein war während­dessen über mehrere Stun­den fast voll­ständig aus meinem Kör­p­er gewichen und in diesem Zus­tand war es mir nicht möglich, auch nur einen mein­er Fin­ger zu bewe­gen. Trotz allem war ICH “wach” und wurde Zeuge ein­er außergewöhn­lichen Begeben­heit.

Das Bewusst­sein schläft im stillen Selb­st und sucht sich sich einen Kör­p­er aus,
den es mit einem indi­vidu­ellen Bewusst­sein belebt und beat­met.

ich spürte noch die unge­heure Schw­erkraft, die auf diesen Kör­p­er wirk­te, doch das aktive Bewusst­sein war bere­its aus­ge­treten. Es ruhte wie ein schlafend­es Tier und benutzte diesen Kör­p­er nur noch als hohles, unge­filtertes Instru­ment der Sinneswahrnehmung.

So war es mir möglich, das ablaufende Geschehen akustisch und visuell wahrzunehmen, jedoch kon­nte ich nicht mehr teil­nehmen, es war kein aktives Ein­greifen in Form von Worten oder Hand­lun­gen mehr möglich bzw. erforder­lich. Durch diesen reinen Sin­neskör­p­er flutete alles hin­durch, was an äußer­er Infor­ma­tion im Raum war und wurde in unbe­w­erteter Form, von einem reinen Zeu­gen-Bewusst­sein wahrgenom­men. Selb­st die Gedanken und unter­schiedlichen Stim­men in den Köpfen der Men­schen kon­nte ICH in diesem Zus­tand als konkrete akustis­che Infor­ma­tion erfassen. Als würde man im ganz gewöhn­lichen Sinne einem Gespräch fol­gen, das sich immer mehr zu einem Stim­mengewirr verdichtet. Das unvorstell­bare Szenario, das sich diesem inner­lich zu vol­lkommen­er Stille gelangten Beobachter dar­bot, schien nicht weniger zu sein als der end­lose Kreis­lauf sam­sarischen Wer­dens und Verge­hens:

ICH sah wie sich Men­schen umarmten, in der Hoff­nung eine Sit­u­a­tion über­wun­den zu haben, nur um kurze Zeit später wieder von vorne begin­nen zu müssen. Im konkreten Fall war es ein junger Mann, der durch den kos­mis­chen Strudel der men­schlichen Aus­geliefer­theit zu trudeln schien. Auch eine Gruppe von mehreren Män­nern kon­nte seinen sich auf­bäu­menden Kör­p­er nicht in Schach hal­ten. Immer wieder schrie er “ich schaff es nicht”, “ich halt es nicht aus”, “ich muss hier raus”…nur um sich kurz darauf fast ein­sichtig beruhi­gen zu lassen oder in halt­lose Euphorie zu ver­fall­en.

Das Szenario kippte in unvorherse­hbar­er Tak­tung hin und her. Mal waren es Frauen, mal Män­ner, die ihn beruhi­gen kon­nten, bevor sich seine plöt­zliche Wut wieder ansat­z­los gegen eine/n von ihnen richtete. Sein Kör­p­er schien ein einziger Aus­druck von zutief­st men­schlichen Befind­lichkeit­en, ver­drängten Prä­gun­gen und verzweifel­ten Aus­bruchsver­suchen aus sich selb­st und einem Kos­mos, der kein Entrin­nen ermöglicht, zu sein.

Im metapho­rischen Sinne schien dieser Men­sch die Ver­loren­heit des Men­schs­seins an sich zu repräsen­tieren, im quälen­den Nicht-Wis­sen um die Herkun­ft und das Ziel men­schlichen Daseins, in der Auflö­sung aller Ver­drän­gungsmech­a­nis­men kreiste er um sich selb­st und um jene kos­mis­che Ur-Angst, die ins Leere fragt: „Wer bin ich?“

Während dieser Mann also gegen alles ankämpfte, was ihn als Rolle aus­machte, ver­sucht­en 10 bis 15 Frauen und Män­ner, ihn mit­tels Zus­prüchen, müt­ter­lich­er Wärme, väter­lichem Respekt, Begrif­f­en wie „Ver­ant­wor­tung“, „Loslassen“ oder „Ein­bil­dung“ usw. in seine ursprüngliche Rolle zurück­zu­holen.

ICH, als so gut wie nicht mehr an meinen eige­nen Kör­p­er gebun­den­des Bewusst­sein, musste erken­nen, wie hohl die Worte klin­gen, wie wenig Sub­stanz in ihnen zu find­en ist, wenn es da kein ich mehr gibt, das an ihnen anhaften kann. Worte berühren einzig den Ver­stand inner­halb eines ich-gebun­de­nen Bewusst­seins aber niemals den ent­fes­sel­ten Geist, der nach wahrer Frei­heit, Erlö­sung und Enträt­selung strebt.

Als dieser unbeteiligte Beobachter kon­nte ICH nur wahrnehmen, wieviel unendlich­er Schmerz, wieviel Verzwei­flung und Heimat­losigkeit in diesem toben­den Kör­p­er zuhause war und alle Bestre­bun­gen, sein per­sön­lich­es, ich-behaftetes Bewusst­sein wieder in seinem Kör­p­er zu ver­ankern, schienen nur aus rein men­schlich­er Sicht nachvol­lziehbar. Das Nicht-Hergeben-Wollen, das Nicht Preis-Geben-Wollen der ich-Iden­tität hält die mak­abere Spi­rale aus men­schlichem Lei­den und den Ver­suchen der Lei­den­süber­win­dung am Laufen. Und ein unbeteiligtes Selb­st ruht wie ein schlafend­es Tier, wie eine stumme, unüber­wind­bare Schranke vor der näch­sten Pforte, die uns dem irdis­chen Mys­teri­um (seine Quelle und seinen wahren Zweck enthül­lend) näher brin­gen würde.

Noch nie schien mir das Geheim­nis des Lebens undurch­dring­bar­er obwohl ich gle­ichzeit­ig noch nie so weit in dessen Untiefen vorge­drun­gen war. Jeden­falls — und das schien mir das wahrhaft Gnaden­volle an dieser kos­misch-sam­sarischen Insze­nierung — war es mir von diesem Stand­punkt aus möglich, eine vol­lkom­men freie Wahl zu tre­f­fen, in welch­er Bewusst­seins­form ich wieder in meinen eige­nen Kör­p­er ein­treten wollte. ICH kon­nte von dieser Posi­tion aus bewusst entschei­den, weit­er den Weg des Kör­per­lich-Men­schlichen zu gehen mit all seinen (karmis­chen, seel­is­chen) Vere­in­barun­gen, aber mir auch aus­suchen, ob ich das in Freude, Liebe und Dankbarkeit oder in Sor­gen, Angst und Zorn tun möchte. Da sich diese Bewusst­sein­sat­mo­sphären als abso­lut gle­ich­w­er­tig zur Ver­fü­gung stell­ten, lag es auss­chließlich an mir, eine Entschei­dung zu tre­f­fen. Zusät­zlich zu dieser auf den Dasein­szweck aus­gerichteten  Entschei­dung, stellte sich mir auch noch die Frage in welch­er Form ich mein Bewusst­sein wieder in meinem Kör­p­er ver­ankern sollte. Dabei tauchte fol­gende intu­itive Infor­ma­tion auf: “Langsame und san­fte Übergänge”. Damit war mir klar, dass es von jet­zt an vor allem um die langsame und san­fte Inte­gra­tion dieser Erfahrung gehen wird.

Denn die Bewusst­seinsin­jek­tion selb­st ist ein schmerzhafter, oft ruckar­tiger Prozess, da sich das umfassende, ganze Bewusst­sein im wahrsten Sinne des Wortes zusam­men­ziehen muss, um als indi­vidu­elles Bewusst­sein in den Kör­p­er einzu­tauchen bzw. sich in ihm zu ver­ankern. Dieses Zusam­men­ziehen bewirkt das ursprüngliche Gefühl der Getren­ntheit. So wie sich ein Son­nen­strahl als einzeln aus­machen lässt, wenn er im fokussierten Zus­tand auf eine Fläche trifft und diese beleuchtet, aber dabei niemals von seinem Ursprung getren­nt sein kann.

Liebe ist in sein­er geisti­gen Essenz (wenn auch auf ein­er anderen Schwingungs­fre­quenz) genau­so flüchtig und ungreif­bar wie Zorn, jedoch bewirkt die Verbindung zwis­chen Bewusst­sein, Kör­p­er und Liebe ein anderes Hand­lungsre­sul­tat als dieselbe Kom­bi­na­tion in Zorn, Leid oder Angst.

Erst wenn man durch­schaut und in aller Tiefe erfährt, dass ein vom Kör­p­er gelöstes Bewusst­sein wed­er an dem einen noch an dem anderen Begriff anhaften kann, weil sich da keine ich-ges­teuerten Erwartun­gen, Wün­sche, Ver­let­zun­gen etc. mehr daran binden kön­nen, erfährt man die Sub­stan­zlosigkeit der für real gehal­te­nen begrif­flichen Erschei­n­un­gen. Auf der anderen Seite erfährt man die ener­getis­che Wucht und Gebun­den­heit die entste­ht, wenn man begin­nt, die frei fließende Energie, die uns in Form von Emo­tio­nen durch­spült zu binden, zurück­zuhal­ten oder zu ver­drän­gen. Erst in diesem offe­nen, nicht-anhaf­ten­den Bewusst­sein wird man frei für eine echte Entschei­dung, und für die Möglichkeit aus dem Lei­den­skreis­lauf auszusteigen.

Das Durch­drin­gen der Maya ist kein ich-ges­teuert­er Vor­gang, es ist die wahre Ein­sicht, dass hin­ter dem Schleier jeglich­er ich-Gebun­den­heit ein zeit­los­es Etwas Bewusst­seinsströme aussendet, die in man­i­festiert­er Form seit jeher diese Erde bewohnen. Und erst wenn kein Kör­p­er mehr auf­grund äußer­er Umstände über­lebens­fähig ist, wird sich das Bewusst­sein in sich sel­ber zurückziehen, den stillen Beobachter wachrufen und ihn anhal­ten, die Pforte zu öff­nen um sein Gehörtes und Gese­henes von dieser Welt, an eine andere Welt rück­zumelden.

Ramon Solaris alias Roman Pach­ernegg